Rule, Britannia

«How’s you Pai Tan Gao?» – «Nice. How’s yours?» - «Very nice.»

Über einem thailändischen Pai Tan Gao fällt Kerstin ihr deutscher Akzent auf. Das scheint in England einsam zu machen.

Noch habe ich eine Schonfrist, bevor der Unialltag beginnt. Die verbleibenden Tage zwischen meiner ersten Vorlesung und der Matrikulation werden mit mentaler Vorbereitung ausgefüllt. Die umfasst Sicherheitsbelehrungen, eine obligatorische Untersuchung bei der college-eigenen Madam Pomfrey (sprich: Krankenschwester) und einen Probefeueralarm morgens um halb sechs. Außerdem darf ich unter Anleitung des IT Departments das Internet in meinem Zimmer installieren, sodass ich morgens – während meine Haare lufttrocknen, da ein Kontinental-Fön nicht der beste Freund der englischen Steckdose ist – meine Emails checken kann. Und das ist auch bitter nötig, wie sich bald heraus stellt, denn zwischen Dienstag Abend und Mittwoch Morgen hatte ich zehn neue Mails in meinem Postkasten. Tendenz steigend. Certainly, none selling Viagra, denn mit Eintritt in die Universität bekommt man seine eigene, persönliche, streng gesicherte Emailadresse automatisch zugeteilt. Strictly no spamming. Statt dessen Information des Tutors, des Senior Tutors, des Domestic Bursars, des Financial Advisors, des Head Porters, und zu guter Letzt der Director of Studies. Alle wollen mit mir sprechen, mich kennen lernen, mir den Alltag erleichtern, das Studium schmackhaft machen, kurz: sich um mich kümmern. Mit den direkt für mich zuständigen Personen habe ich ein persönliches Treffen, den anderen begegne ich bei einer der vielen Veranstaltungen.

Und nach dem offiziellen Personal lerne ich auch langsam meine internationalen und britischen Mitstreiter kennen. Ich begebe mich tapfer in Pubs, Bars, Versammlungsräume und Gemeinschaftsküchen, trinke Ale, Pimm’s & Lemonade, Green Goblins, esse Burger, Chips ohne Fisch und sticky toffee pudding, und bin fest entschlossen, mein uneingeschränkt glorifiziertes Bild von England und seinen Einwohnern in keiner Weise einschränken zu lassen. Britons are friendly, polite, and adorable. Punkt. Der Anfang ist leicht, denn es stellt sich heraus, dass nahezu alle Engländer schon mal in Berlin waren, alle Engländer das Jewish Museum besucht haben, und alle Engländer sehr beeindruckt waren. Daneben mochten die meisten noch „that huuuuge gate“. Ich vermerke: Berlin als Ausgangspunkt anbieten zu können ist sehr hilfreich, und in mir steigt Mitleid auf bei dem Gedanken an meine deutschen Kollegen aus Wuppertal, Gütersloh und Bad Mergentheim.

Aber man soll den Tag nicht… es geht langsam ein wenig bergab. Das Treffen mit meinen College Mums, also Studenten höherer Semester, die sich mir verlorener Brut annehmen, war nämlich, leider, leider, ein Desaster. Wir waren bei einem Thailänder, meine beiden mummys und meine Schwester, wo sich auch noch einige andere Mums mit ihren Daughters getroffen haben (manche hatten sogar ihre Grandmothers dabei, also die College Mum der College Mum, andere ihre Aunties; long live genealogy!) Wir saßen also in einer Ecke, wurden mit Krabbenchips gefüttert, weil das Essen auf sich warten ließ, und waren umgeben von funktionierenden Familien. Während es um uns lachte, schauten wir auf unsere Teller, gelegentlich unterbrochen von: „How’s you Pai Tan Gao?“ „Nice. How’s yours?“ „Very nice“. Möglicherweise die Sprachbarriere, aber auch meine Schwester ließ den Kokosreis geradezu gesprächig aussehen. Traurig, aber wahr; wir sind jetzt schon verwaist. Wer Oliver Twist gelesen hat, weiß, dass das in England kein Zuckerschlecken ist; ich sehe schon Fagin vor meinem Fenster herum strolchen, uns verlassene Bündel mit sich nehmend, und dann gehen wir durch die harte Schule der Straßenjungen, klauen Seidentaschentücher und tragen viel zu große Schuhe und viel zu weite Jackets, sind froh, abends einen harten Kanten Brot zu finden, und wenn der Boss nett ist, gibt’s ein Stückchen ranzigen Speck.

Ich muss konstatieren: Mühe und guter Wille alleine genügt nicht. Und: Englisch ist eine verflixt schwere Sprache. Erschwerend kommt hinzu, dass der Engländer an sich sehr viel Wert auf eine integrale Fähigkeit seines sozialen Daseins legt: Small talk. Es plappert an mir vorbei, während ich mir die Sätze zurecht lege, ist das Wetter schon passé, und sie sind beim Cricket, von dem ich die Regeln nicht kenne, aber bevor ich fragen kann, ist man bei Jonathan Ross, Fridays, 10.30pm, BBC1. Ich bin aufgeschmissen, und erscheine mir selbst wie der typische deutsche Tourist, der die Sprache nicht spricht, was ihn aber nicht davon abhält, sich selbstbewusst-ignorant im Land einzunisten. Auf einmal fällt mir mein eigener deutscher Akzent auf (diese harten, abgehackten Laute, die so gerne parodiert werden, und zwar zu recht), und ist mir peinlich. Englisch ist doch eine Weltsprache, spricht doch jeder. Jeder, so scheint es jedenfalls, außer mir.

Coming Soon: The adventure begins. My first lectures are to be attended, my first essays to be written. Who’d have known that hours can spin away that fast, that a 24/7 library has actually its virtues, and that leo.org can prevent a nervous breakdown?

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June 27, 2008. Rule, Britannia. No Comments.
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Rule, Britannia

First Steps (nicht nur zur German Society)

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Kerstin sieht rot: Sie trägt sich in Cambridge bei den Marxisten ein, kriegt es mit 68 (Mails) zu tun und wird lebenslanges Mitglied der German Society. Über einen Integrationsversuch.

England, Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wer hätte gedacht, dass Du so überwältigend bunt sein kannst? Der Matrikulationsveranstaltung folgt das Fresher’s Feast, bei dem ich meine neue, schöne, glänzende Gown endlich in angemessener Umgebung ausführen kann. Fahnen von der Decke, Kerzen allüberall, strikt hierarchische Sitzordnung und draußen der dunkle, verwinkelte, sinistre Garten, dessen Bäume an die erleuchteten Fenster kratzen. Alle Collegemitglieder sind versammelt, wir Unerfahrenen durch eine Mail darauf hingewiesen „that neat clothing is required“, die Principal hält eine kurze Rede, und mit ihrem lateinischen Spruch beginnt der vergnügliche, und vor allem leckere Teil des Collegelebens. Vier Gänge, zur Feier des Tages, Wein as much as you can drink, aber vor allem Namenskärtchen und Menukarten mit dem Collegewappen (erhaben, nicht einfach gedruckt), und ein Gong, der den Abend beschließt. Alle erheben sich, wir ziehen weiter in die hauseigene Bar, mehr Bier, mehr Wein umsonst. Schnelles Freundschaftschließen. Das anschließende Wanken ins Bett inklusive. Aber man ist ja jetzt verschwistert, man bringt sich gegenseitig in die Zimmer. Alles ist gut. Jeder mag sich. Schön.

Mein Willkommensgeschenk am nächsten Tag: ein englischer Kater und die Societies Fair. Ersteres ist auszuhalten, aber nur wenn zweiteres nicht dazu kommt. Der Reihe nach. Auf der Societies Fair stellen sich die Vereinigungen, Gesellschaften, Gruppen und Assoziationen der Universität vor und ködern ihre Opfer mit free stuff. Das funktioniert so gut, dass die Angela-freundliche Autorin dieser Zeilen sich auf eine Marxisten-Liste eingetragen hat - ich bin gespannt auf das erste Treffen.

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May 27, 2008. Rule, Britannia. No Comments.
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Rule, Britannia

Matriculation: Der Universität ins Gästebuch

Der “SDS” der Linkspartei hat die Freie Universität in «Benno Ohnesorg» umbenannt. Unterdessen schreibt Kerstin Koster ihren Namen in die Annalen der Universität Cambridge ein, fragt, ob die FU – oder BOU – ebenfalls exzellent sei, und spielt Batman [apropos].

Angekommen. Mein Zimmer ist von mir rechtmäßig bezogen worden, und alle Gegenstände auf meiner Inventurliste („Curtain, torn; Wall, parts ripped off; Chair, worn“) wurden penibel abgehakt, denn jeder Fleck, der vorher nicht da war, wird mich 10 Pfund kosten. Nach Abschluss des praktische Teil des Eingewöhnens, kann ich mich nun dem symbolischen widmen. Am Ende der Woche wartete die Matriculation Ceremony auf mich, für die ich weder eine Wartenummer ziehen, noch meine Fächerkombination genehmigt bekommen musste. Meine Auflage ist anderer Art: „We expect you to be dressed neatly.“ Ich ziehe also los mir eine Gown zu kaufen, diese in den Harry Potter-Filmen zu bewundernden schwarzen Umhänge, die mir schon bei der Anprobe das Gefühl grenzenloser Autorität verleihen. Nachdem ich mich für ein nachtschwarzes Dreieck verschuldet habe, schaue ich oberlippenrümpfend auf all die gown-losen Touristen, bis mich das Schaufenster unsanft auf den Boden der Tatsachen zurück bringt. Dort hängt nämlich der wirklich gute Stoff. Des Kaisers große Kleider.

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April 24, 2008. Rule, Britannia. No Comments.
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Rule, Britannia

Auf vorgezeichneten Wegen unterwegs ans Newnham College

Über eine kopfsteingepflasterte, mittelalterliche K-Strasse findet unsere Cambridge-Korrespondentin Kerstin Maria Koster endlich an ihr College, wo sie hinter einer quietschenden Tür ihr Zimmer in einem 70er-Jahre-Bau empfängt.

Von: Kerstin Maria Koster

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February 25, 2008. Rule, Britannia. No Comments.
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Rule, Britannia

National Express, Direction Cambridge

Neu in der Silberlaube: In der Reihe «Rule, Britannia» wird Kerstin Koster, Studentin an der Freien Universität Berlin, von jener Insel im Nordwesten Europas berichten, auf der sie ein Jahr an der Universität Cambridge verbringt. Die Reihe beginnt mit der Ankunft, einem unsanften Aufprall…

Von: Kerstin Maria Koster

Es heißt, sich in der unmittelbaren Nähe zur Macht zu befinden, habe eine anziehende Wirkung; ein gewisses Kribbeln soll es auslösen, und ein Schwindelgefühl. Auf jeden Fall sei nichts mehr wie zuvor. Und tatsächlich verändert die tagtägliche Intervention königlicher Handlanger den Kreislauf des nämlichen Lebens beträchtlich. Im nebligen Morgengrauen erscheinen Wagen, auf deren Türen kleine Krönchen aufgemalt sind; die Ostmark Euro ist abgeschafft, man zahlt mit schwerem, dunkelgoldnem Geld; nach einem Frühstück ist der Magen nicht nur mit den Kalorien einer Durchschnittswoche gefüllt, sondern auch ein dreifach erhöhter Cholesterinspiegel ruft Becel auf den Plan. Ich bin knapp 6 Füße groß, wiege dafür aber auch 11 Steine. Was sich verändert hat? Rather simple: My home is my castle, my castle is England.

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February 2, 2008. Rule, Britannia. No Comments.
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