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Deliziöse Würstchen

Ein Pfarrer aus Basel empörte sich um 1909 über einen Schundroman, welcher «dem Gehirn eines halbwegs vernünftigen Menschen eine solche Dosis Gift zuführt, dass er an die frische Luft gehen muss, um sich zu erholen».

Der Pfarrer berichtet: «Da ist die Geschichte von der jungen Professorengattin in Boston, die perversen Neigungen zu ihrem eigenen Geschlecht fröhnt und die dann bei ihrem galanten Abenteuer im Hotel Mädchenschlächtern in die Hände fällt, die das Fleisch ihrer Opfer zu deliziösen Würstchen verarbeiten. In einem solchen Würstchen findet dann der Detektiv den Trauring der sauberen Gattin und dieser Fund führt zur Aufdeckung des Verbrechens.»

Appetitlich ist die Geschichte nicht, nein. Und die Würstchen waren es wahrscheinlich auch nicht. Trotzdem ist die Geschichte nicht ganz frei erfunden. Wer in Paul Johann Anselm von Feuerbachs Buch «Merkwürdige Verbrechen in aktenmässiger Darstellung» von 1849 nachschlägt, findet dort tatsächlich die Geschichte eines «Mädchenschlächter».

1808 besuchte eine junge Frau einen (angeblichen) Wahrsager. Darauf verschwand sie spurlos. Der Fall blieb ungeklärt, bis eines Tages die jüngere Schwester in der Weste des «Wahrsagers» eingenähte Stücke vom Rock ihrer verschwundenen Schwester entdeckte.

Der Mann wurde verhört, sein Haus wurde durchsucht und sein Garten umgegraben. Mit Erfolg: Es stellte sich heraus, dass er die junge Frau ermordet, in Stücke zerlegt und vergraben hatte. Ihren Rock benutzte er als Ersatzteillager für seine Kleider.

Offensichtlich kannte der Autor des Schundromans die Geschichte dieses «Mädchenschlächters». Kurzerhand machte er aus der jungen Frau eine Professorengattin, aus der Wahrsagerei eine «perverse Neigungen zum eigenen Geschlecht» und aus dem Kleidungsstück in der Weste einen Ehering in einem Würstchen.

Leider konnte ich den Schundroman selbst noch nicht auftreiben. Aber ich vermute schon, was auf der ersten Seite steht: «Basierend auf einer wahren Geschichte.»

Quellen: Schachenmann, Hermann: Jugendschutz gegen Detektivromane und Kinematographen / Volk und Jugend in Gefahr! Ein Beitrag zur Bekämpfung verderblicher Literatur von Hans Muggli, Bern: A. Francke, 1909; Feuerbach, Paul Johann Anselm von: Merkwürdige Verbrechen, Frankfurt/M.: Eichborn Verlag, 1993; ferner: www.physiologus.de

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May 15, 2005. Uncategorized. No Comments.
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