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Rütlirapport 2005
Mit General Blocher an der Heimatfront

Sei immer zur falschen Zeit am falschen Ort! Mit diesem Grundsatz besuchte ich am vergangenen Sonntag den Rütlirapport 2005. Allerdings nicht als geschichtsbewusster Schweizer Bürger, sondern als nichtsahnender Deutscher Tourist, der von Schweizer Geschichte rein gar nichts versteht.
Leider legte mein Dampfer zu spät am Ufer an. So verpasste ich die erste Rede. Von der zweiten verstand ich kein Wort. Sie wurde auf Französisch gehalten und ich fragte einige Zuhörer nach dem Inhalt. Sie verstanden aber ebenfalls kein Französisch. Doch die Rede sei gut, versicherten sie mir, weshalb wir gemeinsam applaudierten.
Danach hielt ein Herr eine Ansprache, den ausser mir offensichtlich alle kannten. So musste ich am Ende einen Festbesucher fragen: «Entschuldigen Sie, eine dumme Frage: Aber wer war der Mann, der da geredet hatte?»
«Ja das ist unser Bundesrat!» erklärte mir der ältere Herr.
«Ach so! – Und wer ist denn dieser Professor, den er so gar nicht mag?»
«Ja das ist, das ist, der ist von Zürich… oder nein: von Basel ist der! Äh, wie heisst der jetzt? – Wissen Sie, diese Professoren machen mit unserer Vergangenheit was sie wollen! Die wollen doch nur die Schweiz schlecht machen, wollen die!»
«Ja, das ist natürlich nicht recht. Und deshalb feiern Sie jedes Jahr dieses Fest, um die Schweiz wieder gut zu machen?»
«Neinnein, nur in diesem Jahr. Weil das jetzt 65 Jahre her ist. Wissen Sie, Jubiläum!»
«Ach so. 65 ist aber eine seltsame Zahl, nicht? Ich meine, naja, ein Jubiläum ist das ja nicht wirklich.»
«Ja-a, das würde ich jetzt nicht unbedingt sagen. Wissen Sie, was der General Guisan damals gesagt hatte, das ist nämlich heute noch aktuell!»
«Meinen Sie? Ich weiss nicht… Wir Deutschen sind ja unterdessen ganz friedlich geworden. – Also ne, da brauchen Sie sich wirklich keine Sorgen mehr zu machen. Ehrlich nicht!»
Ich hätte mich gerne noch länger unterhalten und dem Mann sein Ängste genommen. Doch plötzlich stellte sich der Herr Blocher zum Gruppenfoto neben Soldaten aus allen möglichen Jahreszeiten: Aus dem 19. Jahrhundert, den zwanziger Jahren und natürlich denen von heute.
Die Leute drängten sich hin und ich hatte meine Kamera schliesslich auch nicht umsonst mitgebracht. Ich drängte mich durch die Menge und meinte zu einer älteren Frau, die ebenfalls neben mir drängte:
«Er scheint ja ziemlich beliebt zu sein…»
«Jaja, die einen lieben ihn und die anderen hassen ihn. Aber wir lieben ihn! Ich durfte ihm sogar einmal die Hand drücken, wissen Sie!»
Sie zeigte mir die Hand und ich sagte: «Oh!»
Und sie: «Jaja! Er ist wirklich ein ganz Guter!»
«Und welche Politik macht er denn, dass man ihn so sehr hassen kann?»
«Ja halt, ja wie soll ich sagen… ist schwierig… wie soll ich sagen…? So, so…»
«Ja ist er ein sehr Konservativer?»
«Neinnein! Nein, ein Konservativer ist er nicht. Gar nicht!»
«Sondern?»
«Ja, eher so… ehr… ähm…»
«Bürgerlich?»
«Ja, genau! Bürgerlich ist er!»
«Aber nicht konservativ…»
«Nein, das nicht. Aber bürgerlich.»
«Und sie durften ihm tatsächlich die Hand schütteln?»
«Ja wisse Sie, ich bin der AUNS!»
«Der was?»
«Der AUNS.»
«Und was ist das?»
«Ja das ist, ja… ja wie soll ich das sagen… das hat Herr Blocher gegründet, wissen Sie!»
«Ach so. Aber was ist es?»
«Ja, ähm, das ist wegen… das bedeutet…»
«Eine Abkürzung?»
«Jaja, das ist eine Abkürzung… Wissen Sie, wegen der Unabhängigkeit… wegen der Unabhängigkeit der Schweiz… wegen der Neutralität! – Aber weil er jetzt Bundesrat ist, darf er da nicht mehr dabei sein, wissen Sie!»
«Klar. Sonst wäre er ja nicht mehr neutral. Aber Sie sind noch immer Mitglied?»
«Ja natürlich!»
Vielleicht konnte mir jemand anders erklären, was die AUNS ist. Nur eine Abkürzung wäre etwas wenig. Andererseits ist dieses Rütli voll von Abzeichen, Abkürzungen, Wappen und Symbolen. Und offensichtlich bin ich nicht der einzige, der nicht weiss, wofür sie alle stehen.
Es beruhigte mich, als ich ein 1. August-Abzeichen kaufen wollte und der Herr selbst nachlesen musste, wozu diese Abzeichen eigentlich getragen und verkauft werden. Danach fragt ja sonst keiner.
Die Besucher verschwanden allmählich. Einige junge Soldaten in alten Uniformen standen verlassen auf der Wiese. Sie hatten während den Reden die Schweizerkreuz-Fahne hoch gehalten. Nun langweilten sie sich offensichtlich. Ich langweilte mich ebenfalls und hatte Zeit für eine weitere dumme Frage:
«Hallo zusammen. Dumme Frage, aber ist das eure Dienstuniform?»
«Ähm, nein, nicht wirklich. Die trägt man heute nicht mehr.»
«Ja, klar. Sieht auch ziemlich alt aus. Aber ihr seid im Militärdienst?»
«Ähm, ja, sozusagen. Irgendwie schon.»
«Schon irgendwie?»
«Ähm, ja, wir sind im Dienst. Wir haben die Fahne getragen, also sind wir im Dienst! Aber wir sind nicht wirklich offiziell hier. Das heisst, so halboffiziell.»
«?»
«Ist schwierig zu erklären… Das heisst, wir vertreten nicht die Schweizer Armee, obwohl wir die Uniform tragen. Die Regierung will das nicht.»
«Dass ihr hier mitfeiert?»
«Sozusagen. Das ist eben Politik! Die wollen nicht, dass wir das feiern. Das ist wie bei euch: Dieser Schuldkult, den die Regierung betreibt. Wie bei euch, genau gleich!»
«Ach so, klar, ja, Schuldkult. Wie bei uns.»
Das Wort Schuldkult hören wir «bei uns» in Deutschland eigentlich nur von ganz weit rechts aussen. Von solchen, die Hitler auf der Stelle zurück haben wollen. Neinnein, das ist nicht wie in Deutschland. Hier oben auf dem Rütli wird schliesslich der Widerstand gegen Hitler gefeiert.
Oder?
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«Wie man einen Molotow-Cocktail mixt»

«Wie man einen Molotwo-Cocktail mixt», in: Die Woche, 17.-23. Dez, 1956, Nr. 52, S. 18+19
Eine heiss umkämpfte Zeit: 1956 verteilten Studenten der Uni Bern in der ganzen Schweiz Bauanleitungen für Molotow-Cocktails. 5′000 Stück, inkl. Zündvorrichtung. Interessierten Passanten führten sie ausserdem vor, wie die Flaschenwaffe gemixt, gerührt und geworfen wird. «Wer in dieser Aktion aber nur Dilettantismus und Räuberlis-Spielen sieht, hat nicht erfasst, welche tiefgreifende Bewegung durch unser Volk geht», schrieb darauf die Zeitschrift «Die Woche».
Eine starke Armee alleine kann kein Land verteidigen. Zur Landesverteidigung gehört auch eine schlagkräftige Zivilbevölkerung. Die Aufstände in Ungarn und der Einmarsch sowjetischer Truppen in Finnland während dem 2. Weltkrieg hätten dies gezeigt. «Was hilft unser geistiger Widerstand in diesen Tagen, wenn wir nicht auch bereit sind, uns mit den Händen zu wehren?» fragen die Studenten in ihrem Merkblatt und greifen als Antwort zur Flasche. …weiter lesen!
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