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75 Jahre SJW-Hefte, 75 Jahre Schweizer Anti-Schund
Die kulturklimatischen Wettervorhersagen für die 1930er-Jahre waren schlecht. Ein saurer Regen aus Sex, Kitsch und Brutalität drohte die Schweiz zu überfluten. Eine trübe Brühe aus Cowboygeschichten, Liebesromanen und Kriminalreisser strömte täglich aus Deutschland über die Schweizer Grenze und drohte unsere Jugend im Schund, Schmutz und Dreck ertränken. Nur ein gigantischer Damm konnte die Schweiz vor einer kulturellen Klimakatastrophe schützen. So wurden 1931 die so genannten SJW-Hefte gegründet.
«Sie mit ihren eigenen Waffen schlagen!» werden sich die beiden Lehrer und Gründer des Schweizerischen Jugendschriftenwerks (SJW) gesagt haben, als sie das Prinzip der «unterwertigen» Kioskromane kurzerhand kopierten, um damit «gute» Literatur zu verbreiten. SJW-Hefte sollten so billig wie Schund, aber gut im Geschmack sein. Die Geschichten so spannend wie ein Cowboy-Abenteuer, aber ohne Schüsse und spritzendem Blut. Verkauft nicht am Kiosk, sondern von den Lehrern direkt an die Schüler.
Mit seinen zig-hunderttausend Exemplaren hätte das Schweizerische Jugendschriftenwerk «ein Bollwerk gegen die heranflutenden Wellen der Schundliteratur» werden sollen. In der Tat wurde die Mauer beachtlich hoch – und wächst übrigens noch heute an, wenn auch nicht mehr als Wall gegen Schmutz und Schund.
Trotzn allem: Die Schundflut konnte kaum aufgehalten werden. So geschmackvoll die Geschichten auch waren, so fade schmeckten sie zum lesen. Einige waren nichts anderes als gedruckte Moralpredig zum selber lesen: Hier erfuhren Schweizer Schüler nicht nur, wer Wilhelm Tell war und auf welcher Strassenseite Autos fahren, sondern auch, dass Mogeln an der Prüfung schlimmste Albträume und Schweissausbrüche zur Folge haben kann und dass das Leben auf dem Land das Paradies und die Stadt die Hölle ist…
In diesem Jahr feiert das Jugendschriftenwerk seinen 75. Geburtstag. Wir sehr noch heute gepredigt wird, müsste man nachlesen. Aber das ist eine andere Geschichte.
Die Titelblätter wurden mit freundlicher Genehmigung des Verlags publiziert. Sämtliche Rechte bleiben beim Verlag.
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