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Metzgereien und Pornokinos

Schaut aus wie ein Terrarium für Schlachtschweine im Zoo, ist aber das Schaufenster einer Metzgerei in Berlin (Ortskundige werden die reflektierten Gebäude im Hintergrund sofort erkennen).

Metzgereien gehören neben Pornokinos meines Wissens zu den einzigen Läden, welche im Schaufenster nicht das präsentieren, was sie tatsächlich verkaufen. Beide decken stattdessen ihre Scheiben mit roter Kunststoffklebefolie ab, wobei Metzgereien in der Regel nur einen Teil des Fensters zukleistern und so wenigstens einen Blick ins Innere erlauben. Den Pornokinos ist selbst dieser eingeschränkte Blick nicht gestattet. Zu viel menschliches Fleisch öffentlich zu offerieren ist ihnen gesetzlich verboten.

Metzgereien halten ihre Ware dagegen aus selbstauferlegten moralischen Gründen zurück. Der Kunde isst lieber ein Steak als ein Schwein und möchte sich beim Kauf von seinem Stück Fleisch nicht wie in einer Zoohandlung fühlen. Nur deshalb sind auf Verpackungen von Würsten nie Tiere abgebildet (Ausnahmen werde ich demnächst präsentieren) und nur deshalb steht auf dem Hügel gestapelter Schweinekotten nie ein quetschendes Gummiferkel, sondern nur das Preisschild. Und wenn mich nicht alles täuscht, werden Illustrationen von krähenden Hähnen und lachenden Schweinen in Metzgereien-Logos auch immer seltener.

Nicht so in dieser Metzgerei in Berlin! Hier gilt: What you see is what you get. Die verkaufte Ware ist lebensecht und fast zum streicheln nah im Schaufenster ausgestellt. Satte Schweine neben zünftigen Schinken. Wie im Schlaraffenland faulenzen sie unter den künstlichen Sträuchern. Sogar schlachten könnte man sie hier: Ein ausreichender Spritzer Blut auf die Scheibe und alles wäre rot. Sehen würde man nichts mehr. Die Farbe Rot würde, wie vor einem Pornokino, schreien: «Stopp! Hier darfst du nicht hinsehen!» – Erst das wäre verkaufsfördernd, denn erst mit Blickverbot verkauft man Fleisch, sei es nun menschlich oder tierisch. Bei dieser Metzgerei habe ich daher meine Zweifel. Bei einem Pornokino mit vergleichbaren Schaufenster ebenfalls.

PS: Was das Fleisch in Pornokinos betrifft, bin ich Vegetarier. Ansonsten nicht.

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July 26, 2006. Uncategorized. 1 Comment.
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‘Publizieren zum Trotz’ als liberale Form der Bücherverbrennung

Durchaus, ich beschäftige mich ab und zu mit der Frage, ob es noch heute Formen von Schundverbrennungen – oder generell von Bücherverbrennungen – gibt, wie es sie bis in die sechziger Jahre gegeben hat.

Sofort fallen mir Beispiele ein: Fundamentale Christen, die Harry Potter verbrennen (denn er ist ein Zauberer). Die Verbrennung der Satanischen Verse von Salman Rushdie (weil sie den islamischen Glauben beleidigen würden).

Ich denke ausserdem an weiteres Brennmaterial: Beschlagnahmtes Kokain wird von der Polizei regelmässig öffentlich verbrannt. Oder ich beziehe vergleichbare Methoden mit ein: Medienwirksame Zerstörung von Raubkopien mit Dampfwalze, beispielsweise.

Ich gehe davon aus, dass das Verbrennen von Büchern (oder von Flaggen, Puppen oder jedem anderen Symbol) Teil eines Rituals ist, mit dem bestimmte Personengruppen (manche so gross wie Bevölkerungen) ihre Werte verteidigen, indem sie demonstrieren: Dies finden wir gut, das andere schlecht, also aufs Feuer damit. Darüber hinaus ist das Verbrennen jedoch zwecklos. Die verbrannte Literatur wird nicht systematisch vernichtetet, sondern nur symbolisch verbrannt.

Wir hingegen leben in einer weitgehend liberalisierten Gesellschaft. Einer Gesellschaft, die grundsätzlich jedes geäusserte Wort und jedes publizierte Bild toleriert. Bilder oder Worte verbrennen oder zerstören, um diese Werte der Freiheit zu verteidigen, dürfen wir nicht. Das Verbrennen wäre ein Widerspruch in sich. Die Frage, ob es auch in unserer Gesellschaft Formen von Bücherverbrennungen gibt, muss daher auf die generellere Frage ausgeweitet werden: Mit welchen Ritualen verteidigen wir unsere liberalen Werte?

Ich glaube, mit dem Streit um die Mohammed-Karikaturen ein Beispiel gefunden zu haben. Nicht allein das Verbrennen von dänischen Flaggen ist eine Form der Bücherverbrennung, sondern, im Gegenteil, auch das Publizieren der Karikaturen selbst. Ihre ständig wiederholte Publikation stellt meines Erachtens die Fortsetzung des Rituals der Bücherverbrennungen – wenn auch mit umgekehrten Vorzeichen – dar.

Die Karikaturen kannte längst jeder. Trotzdem wurden sie – insbesondere im Internet – immer wieder publiziert. Längst nicht mehr zur Information, sondern einzig um zu demonstrieren, dass wir der Auffassung sind, dass alles publizierbar sein soll. Wer etwa bei Google «mohammed karikaturen» eingibt, stösst auf verschieden Einträge, unter denen nichts ausser den Karikaturen publiziert ist – versehen mit Kommentaren wie: «Es ist nicht hinnehmbar, dass die Pressefreiheit in Europa in Frage gestellt wird. Deshalb hier die 12 Mohammed-Karikaturen.»

Dieses Publizieren zum Trotz – trotz aller Widerstände und Einwände, trotz aller möglichen Verletzungen von Gefühlen anderer – das Publizieren allein zum Zweck der Publikation und ohne einen informativen Nutzen stellt meines Erachtens die Bücherverbrennungen einer weitgehend liberalisierten Gesellschaft dar.

Die Diksussion steht offen.

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July 16, 2006. Uncategorized. 1 Comment.
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Mit «Fahrenheit 451» Schundverbrennungen rechtfertigen

In seinem Roman «Fahrenheit 451» beschreibt Ray Bradbury 1953 (verfilmt 1966) ein Amerika, in dem die Feuerwehr keine Brände mehr löscht sondern nur noch Bücher verbrennt. Eine Kultur ohne Schrift, mit Zeitungen voller Bilder und dem Fernseher als einzige Unterhaltung. Wo Glücklichsein bedeutet, unterhalten zu werden und nicht länger denken zu müssen.

Wer in einer solchen Gesellschaft liest, stört. Nur folgerichtig, dass der Staat den Bürger am Lesen zu hindern hat. Nicht weil dieser liest und denkt, sondern weil er mit seinen Gedanken sich und seine Mitmenschen am Glücklichsein hindert und damit Ruhe und Ordnung gefährdet. Ein Buch im Haus sei wie ein geladenes Gewehr. Schliesslich nehme jeder an irgend einem Buch Anstoss. Besser also, sie alle zu vernichten.

«Furchtbar!» denkt sich der Geschichtsstudent bei diesem Gedanke. Und «Wie konnte das nur passieren?» fragt er sich, um auf Seite 68folgende sogleich auf die Antwort zu stossen: «Es fing nicht mit Verordnungen und Zensur an, nein! Technik, Massenkultur und Minderheitendruck brachten es gottlob ganz von allein fertig.» Radio, Fernsehen, Zeitschriften und Bücher hätten sich nach dem «niedrigsten gemeinsamen Nenner richten» müssen, um die Massen zu unterhalten. Die Klassiker der Literatur seien immer und immer wieder gekürzt worden, bis jeder sie zwar lesen, aber am Ende niemand mehr lesen konnte. Nicht Dummkopf, sondern «Geist» sei nun plötzlich ein Schimpfwort geworden. Der Medienmarkt hat dem Zuschauer das Denken verlernt.

Zufälligerweise interessiert sich der Geschichtsstudent für die Themen Massenkultur und ihre Bekämpfung, ganz besonders Verbrennungen von Schundliteratur. Bradburys Gedanken klingen daher in seinen Ohren vertraut. Sie decken sich weitgehend mit den Ängsten der Bekämpfer der Schundliteratur: Dass das Wort – das fast heilige Wort! – durch Fernsehen, Comics und Heftchenliteratur herabgesetzt werden könnte. Dass der Mensch das Lesen und Denken verlerne, um sich einzig unterhalten zu lassen.

Diese Entwicklung zu verhindern hatte während Jahrzehnten bedeutet, schlechte Literatur zu bekämpfen und gute zu fördern. Die verwendeten Mittel sind bekannt: Neben Gegenproduktionen und Umtauschaktionen immer wieder auch Verbrennungsaktionen. Bradburys Roman hätte zu diesen Aktionen die beste Rechtfertigung geliefert! Zwar ist mir kein Bekämpfer der Schundliteratur bekannt, der sich je auf auf Bradbury berufen hatte, doch amüsiert mich der Gedanke, dass sich jemand, der in den fünfziger Jahren eine Schundverbrennung veranstaltet hat, ausgerechnet mit «Fahrenheit 451» – dem Buch gegen Bücherverbrennungen schlechthin – hätte verteidigen können.

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Erich Kästner und die Bücherverbrennung in Düsseldorf 1965

Dass 1965 nicht nur in den Schweizer Gemeinden Romanshorn und Brugg, sondern auch im Deutschen Düsseldorf Literatur öffentlich verbrannt worden war, war mir bekannt. Auch über den Unterschied der Aktionen wusste ich Bescheid: Während in der Schweiz «nur» «Schundliteratur» in Flammen aufgegangen war, feuerte der Düsseldorfer «Bund Entschiedener Christen» seinen Scheiterhaufen auch mit Werken von Grass, Camus und Kästner an. Dass aber derselbe Kästner  über das von frommen Liedern begleitete Ereignis berichtet hatte, war mir nicht bekannt. Freut mich aber ganz besonders, denn der Text ist doch recht aufschlussreich!

Fassen wir zusammen: Im Oktober 1965 hat am Düsseldorfer Rheinufer eine Jugendgruppe des «Bundes Entschiedener Christen» Bücher verbrannt. Für Kästner zunächst besonders stossend: Sie taten dies mit Genehmigung des Amtes für öffentliche Ordnung:

«Die jungen Protestanten hatten ihren spontanen Entschluß bei besagtem Amte vier Wochen vorher angemeldet, und die Polizei hatte das Autodafé erlaubt. Wegen des feuergefährlichen Funkenflugs allerdings nicht auf dem im Gesuch erwähnten Karlplatz, sondern am Rheinufer. Hier wurden dann also, neben Schundheften, Bücher von Camus, der Sagan, von Nabokov, Günter Grass und mir mit Benzin begossen und angezündet.»

In der Presse sei das Ereignis in Leserbriefen, Glossen und Reportagen sofort aufgegriffen worden (eine Auswertung dieses Materials wäre sicherlich amüsant und interessant) und die Evangelische Landeskirche habe sich umgehend distanziert. Aber was taten die kleinen Brandstifter? …weiter lesen!

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July 3, 2006. Uncategorized. No Comments.
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