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Grand Prix der Volksmusik

Sonntagmorgen. Ich klicke mich auf meiner Digitalkamera lustlos durch die Partybilder des gestrigen Abends. Tanzende Körper und singende Köpfe, von Scheinwerfern psychedelisch bunt beleuchtet. Es bleibt eines der ungelösten Rätsel meines Lebens, warum ich den Samstagabend vorzugsweise mit Volksmusiksendungen verbringe (und dabei den Fernseher fotografiere).

«Trash-Sucht», hatte eine Kollegin einst diagnostiziert. «Wahrscheinliche eher Flashbacks», meinte ich. Musikantenstadel zum Beispiel, das erinnere einfach an die gemütlichen Winterurlaube in den österreichischen Bergen. Da beginne der Fernseher sogleich wie ein offenes Kaminfeuer gemütlich zu knistern.

Während jedoch der Musikantenstadel so heimatlich rustikal wie unser Tiroler Hotel aufgemacht ist, war das diesjährige Studio des «Grand Prix der Volksmusik» das reinste Sommerexil. Ausser den drei Bergkristallen, um die die 16 Interpreten musizierten, erinnerte darin nichts, aber auch gar nichts an die vielbeschworene Alpenheimat. Die Studiobeleuchtung strahlte so bunt wie sonst nur jene im südamerikanischen Fernsehen, die Springbrunnen im Hintergrund sprudelten in die ziemlich gegenteilige Richtung jeder Bergquelle und das künstliche Gewächs auf der Bühne wirkte alles in allem doch eher tropisch als alpin. Anstatt in den Tuxerhof in Tux im Tirol fühlte ich mich an den Strand der malaysischen Insel Phuket zurückversetzt, von wo wir vor zehn Jahren nichts als Karten voller Strände und Sonnenuntergänge in die Heimat geschickten haben.

Der Hitzeschock sass tief. Ich fühlte mich wie im Skianzug am Tropenstrand abgesetzt. Aber andererseits, musste ich gestehen, sind Palmen in Volksmusikstudios auch nicht ganz ohne Tradition. Und in globalisierten Zeiten, in denen schweizerisch-thailändische Ehen längst nichts Exotisches mehr sind, bedeutet der Begriff «Heimat» wohl auch nicht mehr nur sich rötende Alpenfirne. Auf den Tag, an dem die Schweizerische Volkspartei beantragt, Sonnenuntergänge an thailändischen Stränden in die Schweizer Nationalhymne aufzunehmen, werden wir nicht mehr lange warten müssen. Dem Studio ist also nichts auszusetzen. (Und der mögliche Vorwurf, die aus Indien adoptierte Belsy hätte den Wettbewerb nur dank ihrem Exotenbonus gewonnen, ist ebenfalls zu widersprechen. Sie passte als einzige ins tropische Studio. Exotisch waren alle anderen.)

Nur was ich nicht verstanden habe: Warum mussten wir als Zuschauer alle zehn Minuten aus unserer tropischen Traumwelt gerissen werden? Dass sämtliche Musiker vor ihrem Auftritt im Münchner Stadtpark portraitiert wurden, ging ja noch an. Aber warum in ihren Alltagskleidern?! Ich meine, es ist ja schön zu sehen, dass diese Leute nicht nur in ihrer Tiroler Tracht das Haus verlassen, sondern sich auch wie ganz normale Menschen ohne Sinn für Mode kleiden. Nur: Es ist Samstagabend! Es interessiert mich nicht, was der Junge in meinem Alter anstatt seiner Robe am nächsten Montag tragen wird! Dokumentarfilme sehe ich mir am Dienstagabend auf «arte» an. Am Samstagabend gilt die Maxime des Fotografen David LaChapelle: «If you want reality, take the bus!»

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August 13, 2006. Uncategorized. No Comments.
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