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Ich als Dekoration der Philologischen Bibliothek

Bild: Philologische Bibliothek der Freien Universität Berlin.
Zur Sehenswürdigkeit wird man, indem man auf einem bestimmten Gebiet, beispielsweise auf dem Zement vor Sid Graumans Chinesischem Theater am Hollywood Boulevard, seine Spuren (beispielsweise die seiner Hände) hinterlässt. Oder aber man dekoriert eine Sehenswürdigkeit, beispielsweise als Palastwächter den Buckingham Palace. Und so bemüht man sich auch an der Freien Universität, seine Fussabdrücke im neuen roten Teppich der K-Strasse vor Sir Norman Fosters Philologischer Bibliothek zu hinterlassen, eigene Zeichen zu setzen und sein Territorium abzustecken – und dient doch gleichzeitig in eben dieser Philologischen Bibliothek als schmuckes Deko-Objekt, wenn am Wochenende nur wenige Studierende anwesend sind, dafür aber um so mehr Touristen das neuste Wahrzeichen unserer Universität besichtigen möchten.
Das kugelige Gebäude gehört zu meinen Lieblingsorten in Berlin, weil nirgendwo sonst in Berlin die Aussenwelt weiter entfernt ist als hier. Selbst in einem Bunker fühlt man sich, zumindest hier in Berlin, stets an die Stadt und die Menschen und das Geschehen ‘da draussen’ erinnert. In der Philologischen Bibliothek hingegen blickt man, so sehr man seinen Kopf auch dreht und wendet, nur an die weisse Stoffwand, die nichts ausser das Tageslicht ins Innere lässt. Selbst von der Weltmeisterschaft bekam ich seinerzeit nicht mehr mit als die gedämpften Explosionen der Siegesfeuerwerke: Blop, blop, blop. Ein perfekt funktionierender Bunker und zugleich das Repräsentationsobjekt der Freien Universität.
Was aber repräsentiert man, wenn man hier am Wochenende seine Bücher studiert und die Bibliothek dekoriert und sich plötzlich jemand neben einem platziert, einem seinen Arm auf die Schulter legt und für ein Erinnerungsfoto mit einem «real student» in der «world famous philological library» posiert? Und worüber redet das junge Pärchen, das Arm in Arm und kaum hörbar durch die Bibliothek flaniert, mit Flip-Flops an den Füssen und dem Fotoapparat am Handgelenk, als würde der Weg vom Hostel an den Strand der Krummen Lanke nun mal über die oberste Etage der Philologischen Bibliothek führen?
Kritischere Besucher versuchen uns dagegen zu durchschauen, nehmen hier und dort ein Buch aus dem Regal und blättern ein wenig und schlagen nach, ob es sich bei all diesen Büchern tatsächlich um Bücher und nicht bloss um Attrappen aus dem Möbelhaus handelt, so wie es sich auch bei dem «real student» nur um die Puppe eines Denkers handeln könnte. Bloss traut man die Puppe nie mit einer Frage zu provozieren. Und so fragen wir uns stattdessen selbst: Warum fragt uns hier keiner? Strahlt man als Hüter des Palastes der Freien Universität bereits die Unnahbarkeit eines amerikanischen Elitehochschulabsolventen aus? Oder besitzt man lediglich die Autorität eines Wachmanns vor einem heruntergekommenen Palast, den nur deshalb niemand provoziert, weil im Lauf seines Gewehrs noch immer eine 500 Jahre alte Kugel auf ihren endgültigen Abschuss warten könnte?
So sitzen wir täglich in der Philologischen Bibliothek, dekorieren ein bisschen und repräsentieren ein wenig und gehen über das metergrosse Wappen der Freien Universität ein und aus; und bewundern im Geheimen doch eigentlich nur den jungen Mann mit der gelben Trainingshose in der Abteilung für Deutsche Gegenwartsliteratur, der Woche für Woche eines seiner Beine auf das Regal von Walter Kempowski hebt und in dieser Haltung das ganze Wochenende verbringt. Die Bücher Elfriede Jelineks, ein Brett höher, schiebt er zur Seite und platziert an ihrer Stelle einen portablen DVD-Player. So steht er während Stunden zwischen den Regalen, studiert Kung-Fu-Filme und dehnt seine Beinmuskulatur, seine Arme und seinen Oberkörper und macht sich als einziger bereit für den Kampf, der uns alle draussen vor der Drehtür der Bibliothek erwartet.
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Warum mensen verdauen bedeutet

Bild: Diskussionen auf der Toilette der Freien Universität Berlin.
«Heute mensen?» ist die einzige Frage, die ich täglich per SMS erhalte und die ich täglich mit «12:00 Uhr!» beantworte. Es gehört sich einfach, dass man sich zum mensen verabredet, schliesslich ist Mensen nicht einfach nur zu Mittag essen. Mensen bedeutet, alles täglich Erlebte zu verdauen.
Man stelle sich das so vor: Die Mensa der Freien Universität ist der Magen eines 27′000-köpfigen Wesens, das jeden Morgen ebenso viele Menschen verschlingt. Erst im Magen trifft man sich und unterhält sich über die morgendlichen Stunden in der Speiseröhre. Entstehen tut dabei ein einziger Brei aus Millionen Worten. Das klingt wie eine Direktübertragung aus einem Kieswerk, in deren Rauschen eigentlich jeder alles sagen könnte, aber trotzdem jeder nur das erzählt, was sich jederzeit via Flüstertelefon im ganzen Saal verbreiten könnte. Ein Zwischenfall wie neulich in einer Dahlemer Imbissbude droht in der Mensa nicht (die Bude war aus dem Gleichgewicht geraten, nachdem die letzte Frau das Lokal verlassen hatte und die Männern plötzlich über Dinge zu reden begannen, die den intimen Kreis einer Männergesellschaft niemals verlassen würden). Und trotzdem warte ich seit dem ersten Mal mensen auf diesen einen geistigen Tiefpunkt in der Geschichte der Freien Universität, wenn plötzlich sämtliche Gespräche in der Mensa auf einen einzigen kurzen Satz zusteuern und alle, restlos alle, die gerade reden und referieren, im Chor sagen würden: «…also ich weiss nicht, wie ich das sagen soll, aber…» und so erschraken darüber erschrecken, dass niemand sich mehr traut, sein Gespräch fortzusetzen.
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Die K-Strasse der Freien Universität
Mein Kiez an der Freien Universität ist die K-Strasse, jene gedeckte Teppichallee, die von der Rost- in die Silberlaube führt und an beiden Enden von einem Pförtner bewacht wird.
Fast jeden Abend flaniere ich auf dem Nachhauseweg durch die Strasse, blicke in die hell erleuchteten Fenster, beobachte ein wenig das Treiben im Genesis-Terrarium oder wühle mich durch die Kleininserate an den Stellwänden.
Die Menschen verkaufen hier alles, was ihnen nicht mehr lieb und teuer ist. Katzen, Kühlschränke, Küchengeräte, alles. Manche sogar ihre Lebenszeit. Ich finde zum Beispiel unter den Inserenten fast immer jemanden, der mich in meinen Pflichtseminaren vertritt. Ich zahle dann entweder einen Stundenlohn oder wir tauschen unsere Arbeit, so wie vor einem Semester. Er besuchte mein Seminar und ich bewachte während zwei Stunden im Pförtnerhäuschen die K-Strasse.
Natürlich ist auch die K-Strasse von den ständigen Umbauarbeiten an der Freien Universität betroffen. Wie überall sollen auch hier die Böden ersetzt werden, mitsamt ihrer Spuren der Vergangenheit, der unzähligen Brandlöcher angestrengten Nachdenkens, ausgetretenen Pfaden endlosen Diskutierens und schwarzen Pfützen missratener Wandmalereien.
«Eine Bodenpolitik des permanenten Vergessenes der eigenen Vergangenheit», meinte mein Freund Jon.
Ich zuckte die Schultern.
«Wo vergessen wird, ist mehr Platz für uns», sagte ich.
Und schon eilten wir in hochfrequenziellen Schritten über den neuen roten Teppich, der Fussabdrücke noch immer ohne grösseren Widerstand in sich verewigte, so wie einst der frische Zement am Hollywood-Boulevard die Pfoten eines jeden dahergelaufenen Schauspielers in sich verewigt hatte. Drückten für immer und ewig unsere Spuren in die weichen Böden und unterhielten uns über unsere laufenden Forschungsarbeiten.
Bis plötzlich, als wir die K-Strasse bereits verlassen und uns endlich auf den Heimweg machen wollten, der Pförtner aus seiner Glaskabine trat und sich vor uns aufbaute.
«Ach Herr Fischer, guten Abend!» begann er. «Ich äh, wollte fragen, naja, Sie wissen schon.» Er senkte seine Stimme: «Ob sie in diesem Semester wieder welche Seminare anzubieten haben. Ich meine, die wir tauschen könnten.»
Kam mir nun ehrlich gesagt etwas ungelegen. Immerhin stehe ich nur noch wenige Semester vor meinem Abschluss.
«Läuft denn zur Zeit viel hier?» fragte ich ausweichend.
«Na ja, so durchschnittlicher Personenverkehr. Aber in n’paar Wochen», er nahm uns etwas zur Seite und wurde nochmals leiser, «kommt uns so ne Delegation von, sie wissen schon, diesen Schlangenbeschwörern besuchen. Hätt’ ich zwar gern selbst in Empfang genommen, aber wenn es sein muss…»
«Schlangenbeschwörer?»
«Wollen wohl unser Terrarium besichtigen!»
Ich tätige selbst in der K-Strasse nur ungern spontane Handel. Aber eine Delegation von Schlangenbeschwörern in Berlin an sich vorbeiziehen lassen: Unmöglich!
«Handelseinig», sagte ich sofort, und wir schlugen uns in die Hände. Er erhält eines meiner Seminare und ich werde die hohen Gäste höchstpersönlich auf meiner K-Strasse empfangen!
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Märchenfahrten durch Dahlem

Aufstieg aus dem U-Bahnhof Dahlem Dorf
Es mussten mich erst meine Eltern besuchen und meine Mutter mich fragen: «Warum hat eure U-Bahnstation eigentlich ein Strohdach?», bis ich realisiert, dass sie nicht nur ein Strohdach hat, sondern auch ein Fachwerkhaus ist. Und dass das für eine U-Bahnstation eigentlich eher ungewöhnlich ist.
Die Station, in der ich täglich ein und aus gehe, steht sonst so selbstverständlich an der Kreuzung in Dahlem Dorf, mit Fahrrädern lässig an sich angelehnt und die Dönerbude mit so viel Würde ertragend, dass man sie gar nicht als irgendwie anders wahrnimmt.
«Keine Ahnung», sagte ich zu meiner Mutter.
«Keine Ahnung» sagte ich im Übrigen auch, als sie mich fragte, wie die Freie Universität damals, nach dem Krieg, umzingelt von der Mauer, denn gegründet werden konnte. «Keine Ahnung» sagte ich, als sie wissen wollte, ob die Studentenunruhen hier wieder passieren könnten. Und «Keine Ahnung», sagte ich, als wir durch Dahlem spazierten und mein Vater vor der Villa des Instituts für Selbststudien fragte, ob wir hier eigentlich aus allem eine Wissenschaft machen würden.
Die tausend Geschichten, die hier, in dieser Kulissenstadt der Berliner Traumfabrik vom anderen Leben spielen und gespielt haben sollen, gehen im Grossen und Ganzen an unserem Universitätsalltag vorbei. Man begegnet ihnen selten, den Märchenfiguren, die sich in den verwinkelten Gängen der Silberlaube seit Jahrzehnten verirrt haben, weil eine Putzfrau sie angeblich verfolgen und laufend ihre Spuren wegwischen würde. Diese Hexe.
Gelegentlich schneidet einem ein Bus von «Grimms Märchenreisen» auf der Strasse den Weg ab, hupt und fährt ohne zu bremsen vorüber. Manche Studenten benehmen sich dann so, als sei ihnen das Gefährt über den Fuss gerollt. Sie hüpfen umher, die Zehen in den Händen, und verzerren ihr Gesicht. Manche schreien sogar, wenn auch nur für uns Passanten. Der Fahrer hört sie ebenso wenig, wie wir hören, was der Reiseleiter über uns erzählt. «Und was soll dieses Theater?» fragte meine Mutter. «Keine Ahnung», sagte ich, und hüpfte weiter umher.
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