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Die Confusion von Tulpehocken

Tulpehocken

Stehe ich in diesen ersten Wochen Semesterferien in unserer Bibliothek, die so gross wie eine Turnhalle ist (die einst sogar eine Turnhalle war), wünsche ich mir gelegentlich die schlichten Kommandos meines Sportlehrers zurück. «Vorwärt!» – «Schneller!» – «Namachschon!» – «Los!» – «Aufstehen!» – «Vonwegentutweh!» Oder ich möchte wenigstens meine Dozenten wiederhaben, die einem mit ihrem einzigen Kommando («Lesen!») zwar Semester für Semester einen Stapel Texte von etwa 4′500 Kubikzentimeter Schriftgrösse 10 an den Kopf werfen und damit ganze Wortlawinen über einen herziehen lassen. Doch sind diese Lawinen wenigstens schön aufgeteilt in wöchentliche Portionen, die noch dazu, in Anbetracht aller Wörter, die sich hier in unserer Turnhalle stapeln, eher Portiönchen sind.

Doch nun plötzlich: Semesterferien. Will heissen: Sich seine Kommandos selbst aussuchen müssen. Wobei ein schlichtes «Lesen!» auch nicht mehr durch den Tag hilft. Stattdessen verbringst du die ersten Tage damit, dir Befehle an dich selbst einfallen zu lassen. Tippst stundenlang Worte in eine Datenbank alter Amerikanischer Druckerzeugnisse ein, die ungefähr beschreiben, womit du dich in den letzten Semestern beschäftigt hattest / dich in den nächsten Wochen beschäftigen könntest. Vielleicht «Atlantik» und «Religion» und «Deutschland». Viel zu grosse Worte erstmals, über die man keine Arbeit schreiben kann, die einem aber irgendwie ne Richtung weisen (als würde einem der Turnlehrer «Olympiagold!» befehlen). Also sucht man weiter, tagelang, bis man irgendwann plötzlich ein Worte wie, sagen wir, «Tulpehocken» entdeckt.
Tulpehocken, das hat ungefähr die Grösse, die man in einer Hausarbeit unterbringen kann. Tulpehocken, das war ein Ort in Pennsylvania, wo sich vor einem Vierteljahrhundert eine gar seltsam Confusion zugetragen hatte, als Lutheraner und die «so genannten Mährischen» aneinander geraten waren, Löcher in die Kirchentür schnitten und Sprengsätze in die Ofenrohre legten. Das sind ungefähr die Streitigkeiten, über die man als Student noch schreiben kann, so viel spannender der 2. Weltkrieg auch sein mag. Man tippt «tulpehocken» in den Bibliothekskatalog ein und findet nur ein einziges Buch (die Taufregister, 1730-1800). Und den Rest der Woche, den verbringt man auf einer Leiter, 2.5 m ü. Berliner Boden, wo auf den obersten Regalen unserer Bibliothek die Lexika und Bibliographien stehen. Wer waren nochmals diese so genannten Mährischen? Und warum bombardierten sie Lutheraner?

Ich hatte zu Beginn meines Studiums geglaubt, dass studieren sowie wie elukubrieren bedeutet: Angestrengtes nächtliches Arbeiten bei Schreibtischlampenlicht. Heute sehe ich es eher als ein Rumturnen mit Worten und erfinden von Kommandos an sich selbst. «Tulpehocke!» – das könnte einst mir auch mein Turnlehrer befohlen haben.

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July 31, 2007. Uncategorized. No Comments.
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Die Welt unterm Dach der Philologischen Bibliothek

Mein frommer Versuch, aus der Philologischen Bibliothek auszubrechen:

Philologische Bibliothek

(Nach einer Vorlage des Logos der Dahlem Konferenzen.)

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July 26, 2007. Uncategorized. 2 Comments.
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Letztes Tischgespräch (über Krippenspiele)

Freitag. Ein letztes Mal mensen vor den Semesterferien, gemeinsam mit Kollege Jon. Ob er mitmachen würde, fragte ich ihn, falls im nächsten Jahr doch noch eine Gegenuniversität gegründet werde und wir unsere Gründungsgeschichte einmal wieder nachspielen würden?

Er hatte inzwischen sein (an der Kasse vorbeigeschmuggeltes) Seehechtfilet unter dem Teigwarenhaufen freigelegt und zu essen begonnen. «Das fliegt irgendwann auf», meinte ich noch vorwurfsvoll und nickte zu seinem Teller. Er nahm seinen ersten Bissen und gab ein genüssliches Geräusch von sich. «Hmm… fliiiegende Fische. Köstlich!»

Idiot, dachte ich. Doch zurück zu meiner Frage. «Du meinst, wenn dieses Gegenuniversitäten-Krippenspiel einmal wieder aufgeführt wird?» fragte er, schluckte den Bissen runter und fuhr fort, dass er höchstens dann mitspielen werde, wenn er die Rolle des erkälteten Friedrich Meinecke (Gründungsrektor der Freien Universität) übernehmen dürfe (dessen Eröffnungsrede von seinem Krankenbett aus via Radio in den Steglitzer Titania-Palast übertragen worden war). Er werde dann von seinem eigenen Bett aus seine eigene Universität verkünden. Eine, an der nur noch Fussnoten geschrieben werden (er behauptet noch immer, studentische Hilfskraft eines Professoren zu sein, der seit seiner Dissertation nur noch Fussnoten schreibt). Nur wer nur Fussnoten schreibe, sei wirklich frei. Den Text darüber – aber das habe er mir ja alles schon tausend Mal erklärt. Ansonsten: Nein. Entweder er spiele Jesus oder sonst gar niemanden. Punkt.

…weiter lesen!

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July 20, 2007. Uncategorized. No Comments.
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Über Krippenspiele an der Freien Universität Berlin

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Foto mit dem x-beinigen Schreibtisch in einem Goldrahmen auf weissem Pult.

Erzählt uns Präsident Lenzen die Geschichte unserer Universität (beispielsweise hier in einem Werbefilm), dann stets die Geschichte ihrer Geburt 1948, als «die alte Berliner Universität ihren Mitgliedern elementare Freiheitsrechte» genommen habe und die Freie Universität auf dem Fundament von «Freiheit, Wahrheit und Gerechtigkeit» errichtet worden sei. Würde er dann auch noch das FU-Fotoablum aufschlagen und uns das erste Bild unseres ersten Schreibtisch zeigen (aus urheberrechtlichen Gründen darf es hier nicht wiedergegeben werden, ist aber in der «Kleinen Chronik» zu sehen), wir würden ihn plötzlich fragen: «Aber ist das nicht die Weihnachtsgeschichte?»

So wie Gott in einer Futterkrippe auf die Welt gekommen sein soll, so soll auch die Freie Universität im Jahre 3 des Deutschen Wiederaufbaus die Befreiung der Wissenschaft nicht auf einem Konferenztisch der Siegermächte, sondern einer x-beinigen Möbelspende, einem schlichten Holztisch, begonnen haben. Und so wenig wie sich Gott als weiser Greis oder despotischer Herrscher unter die Menschen gemischt hatte, so kindlich-klein und unschuldig-rein er sich stattdessen machte, so soll auch die Idee der Gründung einer «freien» Universität ein jugendlicher Einfall gewesen sein. Dass West-Berlin seine eigene Universität brauche, das hätten die Studenten zuerst begriffen, «… wie ja der Freiheitsdrang im Herzen jugendlicher Menschen am stärksten glüht», lesen wir in einem Büchlein über die Freie Universität aus dem Jahre 1963.

Doch hört Präsident Lenzen an dieser Stelle stets auf zu erzählen, klappt das Fotoalbum zu, macht einen Sprung in die Gegenwart, in der Freiheit noch immer «eine zentrale Verpflichtung» für uns sei und führt durch die Philologische Bibliothek.

Es sind dann jene Professoren, die in diesen Tagen ihre Abschiedsvorlesung halten, die den Faden wieder aufnehmen, die protestieren, dass nicht nur Herkunft, sondern auch Geschichte verpflichtet und erzählen, wie sie 1967 neben der Freien die «Kritische Universität» errichtet hätten, um «freie, umfassende Bildung», ein «lebendiges Studium» und «permanente Hochschulkritik» zu praktizieren. Woran einige bereits etwas höhere Semester sogleich anschliessen und berichten, wie sie damals, zum Jubiläum der FU 1988 (wir schreiten jetzt also in Riesenschritten durch die Geschichte unserer Universität), sämtliche Institute besetzten, die Professoren aussperrten, die «Freie» in «B*freite Universität» unbenannten und über den Dächern eine schwarz-rote Fahne hissten.

Und die Tische, die an der Freien Universität fast heiligen Tische?

Mit den einen, so heisst es, habe man die Türen verbarrikadiert; auf den anderen «selbstbestimmte Seminare» absolviert. Und zu Weihnachten, apropos, da habe man sogar einen eigenen kleinen Tannenbaum installiert!

Aber klingt das jetzt nicht irgendwie wie ein Krippenspiel? Für ein oder zwei Semester zurück zum x-beinigten Ursprungstisch und seinen ungehobelten Planken? Sich daran erinnern, wie alles anfing und dass das wenige, was am Anfang war, auch einen ganz anderen Weg hätte nehmen können und dass das, was heute ist, so nicht gezwungenermassen sein muss? So wie neulich Studierende der Ruhr-Universität Bochum ausgerechnet in einem alten Mensagebäude eine Freie Universität Bochum ausgerufen haben, ebenfalls eine Gegenuniversität für selbstbestimmtes Lehren und Lernen? Und werden wir auch 2008, zum 60-jährigen Jubiläum unserer Universität eines aufführen?

Doch dann fragte ich beim Mittagessen in unserer Mensa Kollege Eduardo, weshalb er eigentlich zum studieren nach Berlin gekommen sei. Er meinte, dass dieser Speisesaal (seine Gabel machte eine Kreisbewegung) in Peru eine staatliche Universität sein könnte. Ziemlich gross, dachte ich. Andererseits: «Was will man mehr?» fragte ich etwas unbeholfen. «Da waren nur Tische und Stühle! Keine Bücher, nichts!»

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July 17, 2007. Uncategorized. No Comments.
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Weshalb die letzten Semesterwochen zu früh begonnen haben

20070712 Img 4429

Diese letzten Semesterwochen: Gar nicht gut. Das Korsett meines Master-Stundenplans beginnt sich bereits jetzt, erst Wochen vor den Ferien, zu lösen. Ungewöhnlich früh ist in diesem Sommer mein Lebenslauf, der mich täglich in grossem Bogen um Berlin herum nach Dahlem führt, mich für einige Stunden in der Bibliothek absetzt und via Mensa und Seminarraum jeden Abend sicher nach Hause zurück bringt, durcheinander geraten.

Dass mein Weg zur Universität von Lokomotivführern bestreikt wurde, konnte ich ja schon mal gar nicht leiden. Dass mich tags darauf um 4.oo Uhr morgens ein diplomierter Ingenieur anrief, hat mich dann sogar ein Seminar gekostet. Er habe im Freudentaumel über sein soeben ausgehändigtes Diplom seinen Wohnungsschlüssel vergessen. Ob ich ihn bitte hereinlassen würde. Seither teile ich mir die Wohnung mit einem Akademiker.

In diesen Minuten habe nun endlich auch ich die letzten Zeilen meiner letzten Hausarbeit aus dem, ehm, letzten Semester geschrieben und damit die Schulden aus dem, ehm, vergangenen Semester beglichen. Ein ganz neues Gefühl, seinem Studium hinterher eilen zu müssen.

Doch auch der zeitlich verschuldete leistet sich ab und zu einen Sonntag und richtet sich ein in seiner eng gewordenen Haut. Und insgeheim träumt er, eines Morgens aus der stupiden Linearität der Zeit zu fallen und von der Ring-Bahn um die Stadt herum direkt zurück nach Hause gefahren zu werden. Wunder passieren. Wahrscheinlich ist allerdings, dass ich in exakt einem Jahr mein Diplom in den Händen halten werde. Morgens um 4.oo Uhr, vor meiner Haustür, mit dem Finger auf der Klingel.

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July 13, 2007. Uncategorized. No Comments.
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