K-Strasse
Sich gut anfühlende Nachrichten aus Woche 22
Bild: «Taking a break from promoting a video game among fellow students in which one could play Rudi Dutschke at the Free University of Berlin.» (Dahlem 2008)
186 FirstClass-Suiten sowie eine «active-Lounge» für Fitness und Wellness wird «The Dahlem Cube» – ein neues Hotel auf dem Campus der Freien Universität – ab 2009 anbieten. Beim Richtfest soll sich ein geladener Gast in ein exemplarisch ausgestattetes Hotelzimmer gelegt und entspannt zu seiner Frau gesagt habe: «Go fuck yourself!» Als «Wellness-Aktivismus» hat FUwatch das Protest-Camp der letzten Wochen bezeichnet. Die Aussenwirkung des Protests habe «hart gegen Null» tendiert. Was in Zahlen so was wie 0,00002941 wäre, also einer von 34 000 (wobei dann ich dieser eine gewesen sein könnte, da ich das Camp eigentlich ganz nett fand, an dieser Stelle aber gestehen muss, im trüben Abwaschwasser mein schmutziges Volxküchen-Töpfchen einfach so versenkt zu haben). Die Berliner Volksbank soll an der Langen Nacht der Wissenschaft zu einem «Erholungspark … mit bequemen Liegestühlen und kühlen Erfrischungen» umfunktionieret werden. Das Gebäude wird zu diesem Zweck illuminiert. Der Fachbereich Veterinärmedizin wird «eine fantastische Reise durch den Kosmos des Tierkörpers» anbieten und Sternekoch Matthias Buchholz in der Mensa II eine «Mensa-Küchenparty» veranstalten. Auf dem Dach der Mensa soll demnächst eine Solaranlage installiert werden, finanziert durch Darlehen von Studierenden. Rapper Tapete rief an der Protestwoche zum Schwarzfahren auf und realisierte zum Ende seines Songs, dass seine Zuschauer alle ein Semesterticket haben. Der AStA FU hat ein Foto publik gemacht, auf dem zu erkennen ist, dass Polizisten Schlagstöcke tragen, und in einem Gespräch mit Talkshow-Moderatorin Maybrit Illner soll über die Frage diskutieren werden, ob die Republik durch Talkshows noch zerredet werde. Die neue Ausgabe der UnAuf berichtet von der Geschichtsstudentin Jana, die seit acht Monaten nach ihrem Gegenüber in der U-Bahn sucht. Mein Nachbar hat seines am Wochenende endlich gefunden; nachdem er in meine Wohnung gebohrt hatte. Wir tauschen jetzt freundschaftlich Salzstangen aus.
Artikel drucken
Rule, Britannia
First Steps (nicht nur zur German Society)

Kerstin sieht rot: Sie trägt sich in Cambridge bei den Marxisten ein, kriegt es mit 68 (Mails) zu tun und wird lebenslanges Mitglied der German Society. Über einen Integrationsversuch.
England, Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wer hätte gedacht, dass Du so überwältigend bunt sein kannst? Der Matrikulationsveranstaltung folgt das Fresher’s Feast, bei dem ich meine neue, schöne, glänzende Gown endlich in angemessener Umgebung ausführen kann. Fahnen von der Decke, Kerzen allüberall, strikt hierarchische Sitzordnung und draußen der dunkle, verwinkelte, sinistre Garten, dessen Bäume an die erleuchteten Fenster kratzen. Alle Collegemitglieder sind versammelt, wir Unerfahrenen durch eine Mail darauf hingewiesen „that neat clothing is required“, die Principal hält eine kurze Rede, und mit ihrem lateinischen Spruch beginnt der vergnügliche, und vor allem leckere Teil des Collegelebens. Vier Gänge, zur Feier des Tages, Wein as much as you can drink, aber vor allem Namenskärtchen und Menukarten mit dem Collegewappen (erhaben, nicht einfach gedruckt), und ein Gong, der den Abend beschließt. Alle erheben sich, wir ziehen weiter in die hauseigene Bar, mehr Bier, mehr Wein umsonst. Schnelles Freundschaftschließen. Das anschließende Wanken ins Bett inklusive. Aber man ist ja jetzt verschwistert, man bringt sich gegenseitig in die Zimmer. Alles ist gut. Jeder mag sich. Schön.
Mein Willkommensgeschenk am nächsten Tag: ein englischer Kater und die Societies Fair. Ersteres ist auszuhalten, aber nur wenn zweiteres nicht dazu kommt. Der Reihe nach. Auf der Societies Fair stellen sich die Vereinigungen, Gesellschaften, Gruppen und Assoziationen der Universität vor und ködern ihre Opfer mit free stuff. Das funktioniert so gut, dass die Angela-freundliche Autorin dieser Zeilen sich auf eine Marxisten-Liste eingetragen hat - ich bin gespannt auf das erste Treffen.
Artikel drucken
K-Strasse
Ehrendoktor Reich-Ranicki spielt Ego-Talker Dutschke durch Henry-Ford-Bau*

Ein Nachrichtenüberblick von und mit
B. A. M. Fischer und David Goldwich
Die «Aktionswoche» des laufenden Protestsemester neigt sich dem Ende entgegen. Ein Aktionsplenum forderte den Rücktritt von Präsident Dieter Lenzen und «Lenzen du Schweinesau» hatte ein Unbekannter auf ein Unigebäude gesprüht. Aus Protest gegen Lenzen, Sexismus und Rassismus haben Studierende im Innenhof der Silberlaube ein Camp errichtet. In der Mensa hat die Grüne Bundestagsfraktion ein Sofa aufgebaut, um zu diskutieren, wie Zugangshürden zur Hochschule eingerissen werden könnten. Daraufhin wurde das Sofa, ebenfalls von «Studierenden», gekapert und aufs Dach verlegt. Wegen Afghanistan. Man sehe keine gemeinsame Diskussionsgrundlage mit den Grünen.
«Grandios programmiert und hocherotisch!» wird Marcel Reich-Ranicki, Ehrendoktor der Freien Universität, auf der Hülle eines Computerspiels zitiert, mit dem man angeblich Rudi Dutschke an der Freien Universität spielen kann. Die Hülle kursiert zur Zeit, ohne dazugehörige DVD, an der Universität. Das Gütesiegel Elke Heidenreich lässt sich darauf zitieren, sie habe das Spiel «unheimlich gern gespielt». Ebenso scheint die Bundeszentrale für politische Bildung von der demokratisierenden Wirkung des Ego-Talkers überzeugt zu sein. «Ein wichtiges Spiel», urteilt sie und stellt es auf Platz 2 ihrer Liste der 36 Computerspiele, die jeder Deutsche Staatsbürger gespielt haben sollte. Noch vor Soltaire (Platz 18) und Minesweeper (Platz 22). Harold Kluge, Professor an der Freien Universität, hatte einst Klage gegen den Hersteller erwogen, wegen Geschichtsverzerrung und Gewaltverherrlichung. Anstatt aus dem Fenster des Erdgeschoss wird Professor Schwan, damals verheiratet mit Gesine Schwan, die für das Amt des Bundespräsidenten kandidieren möchte, aus dem dritten Stock geworfen. Kluge hat das Spiel in der Zwischenzeit «ausgedruckt und durchgelesen» und ist zum Schluss gekommen: «Es hat Fehler!» Einer Zeitzeugin zufolge soll Dutschke nie mit einem Klavier mit der U-Bahn zur Universität gefahren sein.
Eine Rede Richard Löwenthals, zu Dutschkes Zeiten ebenfalls Professor an der Freien Universität, soll sich auch in Dokumentation zur Freien Universität befinden. Götz Aly hatte das Gegenteil behauptet, weil die FU-Dokumentationen von ehemaligen Linksradikalen zusammengestellt worden seien. Trotz dieser Fehler bringe die Bundeszentrale für politische Bildung Alys Buch in Umlauf, bemängelt die Frankfurter Rundschau.
Die Universität Greifswald hat einem ihrer Studenten verboten, unter «Uni-Greifswald-Blog.de» über die Uni Greifswald zu bloggen. Mit dem Inhalt habe diese Entscheidung nichts zu tun. Niklas Fichtenberg, der bei FUwatch über die Freie Universität bloggt, soll «leichte daß/das-schwächen» haben, die jedoch nicht annähernd so stark seien wie jene in einem Beitrag des Berliner Bündnis für Freie Bildung.
*Disclaimer: Silberlaube.de ist ein satirisches Blog.
Artikel drucken
Herrfischer
Im Polnischen Jagdrevier von Professoren im Selbstversuch

In Polen gewesen und mit Pistole geschossen: Herrfischer tat an Pfingsten gleich zwei Dinge zum ersten Mal. Der Mann in der Fotogalerie Mitte-rechts (siehe oben) ist er trotzdem nicht.
Bei der Rangverkündigung der letzten Hochschulmeisterschaften musste ich ja sogar zum zweitletzten Platz applaudieren. Damit niemand merkte, dass ich ihn belegt hatte. Danach nahm ich das Angebot, in Polen drei Tage lang meinen Unterarm zu trainieren, dankbar an.
Das angenehme an diesen Unisport-Reisen ist, dass man vom Ziel der Reise keine Ahnung haben muss. Man trifft sich am Ostbahnhof, folgt seinen Leuten und fährt ein paar Stunden durch Plantagenwald. Bis man in einem Land ankommt, von dem man nur weiss, dass man auf der Strasse keine Männer ansprechen soll, die Baseballschläger hinter ihrem Rücken tragen (was einem Hinweisschild in der Eisenbahn entnommen ist).
Unsere Fechttruppe trifft also in dieser sozialistischen Sportanlage irgendwo in Polen ein, die sonst von niemand anderem besetzt ist als einer 3er-Gruppe Deutscher Jäger. Wahrscheinlich linke Professoren der Freien Universität oder so was ähnliches. Der eine ist schlecht gelaunt, schlecht rasiert und trägt einen Tarnanzug. Schleppt sich, mit einem Krokodilszahn an der Halskette, auf zwei Krücken vom Saloon (die ganze Anlage ist eine Hommage an den Wilden Westen) in die Schiesshalle und von dort in den Speisesaal. Eindeutig Politologe im Selbstversuch. Er wird ständig begleitet von einem jungen Mann, der an ihm so eine Art Zivildienst ausübt und etwas introvertiert wirkt. Der Dritte, ich schätze mal der war Soziologe, verschwand jeweils am Morgen in seiner biederen Jägeruniform (mit grüner Krawatte mit aufgesticktem Jägerwappen) im Wald und kam abends – tobend vor Wut über «die Drecksviecher!» – zurück. In Zukunft wird er sich wieder dem Verhalten von Menschen widmen.
Weil jemand unserer Gruppe auf die Idee kam, dass auch wir die Schiessanlage ausprobieren sollten – «wo wir doch schon mal in Polen sind» – lernen wir den Politologen sogar noch kennen. Der sitzt da in seinem Camouflage-Anzug, imitiert mit seiner Krücke ein Gewehr und zielt auf die Scheibe, während sein Zivi für ihn mit der Luftpistole die Schüsse abgibt. «Poah, der hat n’Schussbild!» staunt unsere Kursleiterin. Der Politologe nickt, lädt seine Krücke nach und der Pole mit den grauen Plastikhaaren, in denen sich sogar das Neonlicht seiner Anlage spiegelt, drückt mir eine Pistole in die Hand. Er trägt einen Ohrenschutz und versteht vielleicht auch deshalb kein Deutsch. «Durchziehen!» und «Point a target!» redet er auf mich ein (wahrscheinlich Rilke-Experte), während ich zu erklären versuche, dass ich bei den letzten Hochschulmeisterschaften im Fechten für zweitletzten Platz applaudiert habe.
Am Abend sitze ich vor dem Fernseher, schaue mir eine polnische Soap Opera an, versteh’ kein Wort und versuche mit einem spitzen Bleistift meine Zielscheibe so zu löchern, dass sie halbwegs jenen meiner Zimmerkollegen gleicht. Da wird in der Sendung ein Polnischer Priester mit einer Polnischen Putzfrau in seinem Zimmer erwischt. Haha, ausgerechnet mit der Putzfrau! Das heitert jeden auf.
Artikel drucken
K-Strasse
Pfingstpause
Artikel drucken










