Rule, Britannia

Auf vorgezeichneten Wegen unterwegs ans Newnham College

Über eine kopfsteingepflasterte, mittelalterliche K-Strasse findet unsere Cambridge-Korrespondentin Kerstin Maria Koster endlich an ihr College, wo sie hinter einer quietschenden Tür ihr Zimmer in einem 70er-Jahre-Bau empfängt.

Von: Kerstin Maria Koster

Edgar Wallace verheißt mir Nebel und Wolken, trübe Tage an schilfigen Flüssen, das ferne Heulen des Hundes im Moor. BBC Weather behauptet etwas von Sonne und Wind, azurblauer Himmel über saftgrünem Gras. Unkritisch glaube ich der größeren Autorität, und muss lernen, dass Mr Wallace die seine entweder schon einige Zeit nicht mehr besitzt oder tatsächlich nie besaß. Die British Broadcasting Corporation behält Recht, macht meinen Schirm ebenso überflüssig wie meinen Dolch im Strumpfband, der mir das einzige wirksame Mittel gegen Mönch und Peitsche erschien. Derart ausgerüstet steige ich an Parker’s Piece aus dem Bus, und schreite in die gleißende Sonne. Betreffs Äolus zitiere ich Franz, der die luftigen Umstände viel besser ausdruecken kann als es mir jemals möglich wäre:

„Die kalten Winde bliesen, mir grad ins Angesicht; der Hut flog mir vom Kopfe, ich wendete mich nicht.“

An diesem meinem ersten Tag lernte ich nicht nur, dass geringfügige Unterschiede zwischen dem Dartmoore Castle und Cambridge Village besteht, ich bekomme zudem den ersten Eintrag meiner mentalen Enzyklopädie hautnah vorgeführt: Der Engländer an sich, besonders aber die Engländerin fungieren als Synonym für kälteresistent. Trotz frostiger Temperaturen, die im höhnischen Kontrast zum solaren Goldgelb stehen, empfangen uns auf dem Busparkplatz luftig bekleidete Damen und Herren, die auf ihren T-Shirts unmissverständlich kundtun, dass es ihre Aufgabe ist, Fresher – aka First Years, aka Erstsemester – den Weg zu weisen. Anstelle einer Wartenummer stattet man mich mit einem Stadtplan, einem Twix als Wegzehrung, mehreren Kulis, zwei Bleistiften, einem Cambridge-Aufkleber und einem Gutschein für den Heffer’s Bookshop aus, und schickt mich auf den Marsch zu meiner Heimat für das nächste Jahr.

Trotz unbekanntem Terrain sind mein Orientierungsängste nicht existent, denn mein Weg ist vorgezeichnet, seit ich zwei Monate vor Reiseantritt freudig das Päckchen aus dem Briefkasten zog, groß und schwer, dass mir uneingeschränktes College-Glück verhieß. Voll gepackt mit allen wichtigen und unwichtigen Informationen über die Uni im Allgemeinen und Newnham College im Besonderen war ich bestens gerüstet für alles Kommende, denn in nie zuvor habe ich so viele Formulare ausfüllen müssen. Aber weil Engländer die besseren Deutschen sind, noch ordentlicher, noch bürokratischer, noch versessener, waren alle in unterschiedlichen Farben, sodass ich nach Prioritäten und Zuständigkeiten ordnen konnte. Ein bunter Regenbogen auf meinem Zimmerboden.

Aber wie wirksam! Und wie anders! Die K-Straße ist hier kopfsteingepflastert und die J-Straße führt mich auf zwei Fuß breiten Gehwegen an Hausfronten mit Erkern und Kirchgärten mit Mausoleen vorbei, keine Klinkerbauten, kein Beton, nur reines Spätmittelalter rechts und links.

Trunken von all der Pracht und nun doch etwas außer Atem finde ich schließlich mein Heim, ein viktorianischer Traum von 1871, heute das älteste noch existierende Frauencollege der Universität. Gelegen etwas außerhalb der Innenstadt, an einer leicht ansteigenden, aber wenig befahrenen, beidseitig begrünten Straße erhebt sich vor meinen Augen ein ziegelroter Backsteinbau mit weißem Dach und Balustraden, dessen schmiedeeisernes Tor mit Wappen und Schriftzug (Dieu et mon droit) mich hereinbittet. Links daneben ein neogotischer Winkelbau mit anschließender Kirche. Ridley Hall, mein derzeitiger Nachbar, Priesterseminar mit leidenschaftlichen Sängern. Rechts gegenüber Selwyn College, 17. Jarhundert, mit großem Innenhof und verziertem Portal.

Und hier bin ich nun. In dieser vorväterlichen Pracht darf ich residieren, dieses weitläufige Gelände mit einem steinernen Monument im verwilderten Garten steht mir zur Verfügung. Oh Wonne, oh Glück.

Zehn Minuten später beziehe ich mein Zimmer. Gelegen im Anbau aus den 70er Jahren, quietschende Türen, angestoßene Schränke, ein stark benutzter Schreibtisch, Vorhänge, dass es einem die Schuhe auszieht – beige Monstren mit braunen Quadraten. Seufzende Resignation.

But – who cares: Mission accomplished. Für’s erste zumindest.

Coming Soon:

Matriculation Ceremony – Join me in my heart-beating experience of being greeted by an impressing woman in an ermine gown, shaking my hand and welcoming me personally to the University of Cambridge.

Subject Formal – Incredible, but true! After having bought my lovely black gown, a kind of sophisticated cape, I am supposed to wear it at the Subject Formal diner party, featuring a three course menu, a gong and an introduction in Latin.
Stay curious!


weitersagen.gif weitersagen.gif


February 25, 2008. Rule, Britannia. No Comments.

Copyright: Creative Commons

No Comments

Be the first to comment!

Leave a Reply

Bitte Anti-Spam-Wort eingeben:


Anti-spam image

Trackback URI