Rule, Britannia

Matriculation: Der Universität ins Gästebuch

Der “SDS” der Linkspartei hat die Freie Universität in «Benno Ohnesorg» umbenannt. Unterdessen schreibt Kerstin Koster ihren Namen in die Annalen der Universität Cambridge ein, fragt, ob die FU – oder BOU – ebenfalls exzellent sei, und spielt Batman [apropos].

Angekommen. Mein Zimmer ist von mir rechtmäßig bezogen worden, und alle Gegenstände auf meiner Inventurliste („Curtain, torn; Wall, parts ripped off; Chair, worn“) wurden penibel abgehakt, denn jeder Fleck, der vorher nicht da war, wird mich 10 Pfund kosten. Nach Abschluss des praktische Teil des Eingewöhnens, kann ich mich nun dem symbolischen widmen. Am Ende der Woche wartete die Matriculation Ceremony auf mich, für die ich weder eine Wartenummer ziehen, noch meine Fächerkombination genehmigt bekommen musste. Meine Auflage ist anderer Art: „We expect you to be dressed neatly.“ Ich ziehe also los mir eine Gown zu kaufen, diese in den Harry Potter-Filmen zu bewundernden schwarzen Umhänge, die mir schon bei der Anprobe das Gefühl grenzenloser Autorität verleihen. Nachdem ich mich für ein nachtschwarzes Dreieck verschuldet habe, schaue ich oberlippenrümpfend auf all die gown-losen Touristen, bis mich das Schaufenster unsanft auf den Boden der Tatsachen zurück bringt. Dort hängt nämlich der wirklich gute Stoff. Des Kaisers große Kleider.

Ich als Undergraduate gehöre in der Hackordnung ganz nach unten. Kanonenfutter sozusagen. Wie konnte ich nur denken, dass meine Einheitsgrößen-Gown, die mir gerade mal bis zum Knie geht, mit dem bodenlangen Traum mithalten könne, der mir dort seine Samtaufschläge präsentiert? Seidig glänzend mit Barett und Schärpe, purpurrotem Innenfutter und Hermelinbesatz. Seufz. Aber ich will mich nicht beklagen, auch meine Gown hat ihre Qualitäten; good for doing Batman-impressions on the corridor.

Am Freitag dann der Appell an meine Wiedererkennungsleistung: Der Hermelin steht vor mir, und in ihm steckt ehrwürdig meine Principal, die mich und meine 12 Mitmatrikulanten (man wird nach Fächern sortiert matrikuliert) mit einer kleinen Rede begrüßt. Aufregung? Noch nicht, ist ja nur eine Einschreibung. Und dann sitzen wir im Atrium dieser >500 m² großen Villa, und lauschen der feierlich vorgetragenen Versicherung, wir seien „excellent women“, die es verdient hätten hier zu sein; viel würde man von uns erwarten, aber zu Recht; wir würden uns einreihen in fast 800 Jahre glorreiche Universitätsgeschichte und wenn wir jemals glaubten, wir wären hier falsch, dann seien wir eines der wenigen Male im Unrecht. Ihr Motto, uns mit Emphase übermittelt: „Work hard, play hard!”

Die Brust schwillt ob solcher Beteuerungen, meine Gown plustert sich, und ich verbanne den Gedanken, dass ich kein regulärer Student bin, der die Bewerbungsprozedur über sich hat ergehen lassen müssen, der sich seit einem Jahr auf Cambridge vorbereitet hat, der £ 3.145 (€ 4.000 – das Pfund steht gerade hervorragend) im Jahr bezahlt, und darin noch nicht mal die Miete enthalten hat, in die Tiefen meiner Gown-Ärmel. Kurz: Ich verleugne – und das mehr als dreimal – , dass ich ein Erasmus-Student bin. Es weckt mich eine Stimme, die alle Namen einzeln aufruft, und schon bei „G“ ist. Meiner Nachbarin zittern die Hände, meine sind schweißnass. Alle Augen sind die auf jene gerichtet, die ihren Eintritt in die Universität feierlich vollziehen, die die Schwelle des Cambridge-Daseins überschreiten. „K“. Ich gehe nach vorne, meine Gown weht mir in die Kniekehlen, hoffentlich stolpere ich nicht. Es ist recht kalt hier und dann auch noch die Aufregung. Wie war noch mal mein Name? Der Hermelin gibt mir die Hand, und dann kommt der feierliche Moment. Auf dem Louis-XVI.-Tisch vor mir liegt ledergebunden mit Goldschnitt mein College in Buchform, 136 Jahre weibliche Exzellenz. Dort steht in schnörkligen Lettern MEIN Name, in einer Reihe mit Iris Murdoch und Emma Thompson. Und neben diese Leute darf ich meinen Philipp Windsor setzen - in Kleinkinderkrakelschrift, aber immerhin kein Fehler.

Ich sehe meine Zukunft vor mir erstehen: Ab jetzt sitze ich von Morgens bis Abends an meinem Schreibtisch, respektive in der Bibliothek, um zum Ruhm und zur Ehre meiner Universität beizutragen, hart arbeitend, lesend, schreibend, kein Sonnenlicht, aber wissend, dass die Institution Cambridge und ich für immer verbunden sind, für immer eine Einheit bilden, ewig voneinander zehren, und selbst wenn Staub zu Staub, und Asche zu Asche gewandert ist, wenn ich kleines Licht den Weg alles Irdischen gegangen bin, selbst dann bleibt mein Name eingeschrieben in die Annalen dieser Universität, eingebrannt in das unauslöschliche Gedächtnis dieser steinernen Mauern, die weit vor mir Menschen beherbergt haben, die meinen Weg gegangen sind, ihn für mich geebnet haben, und die weit nach mir jenen ein Obdach bieten werden, die wie ich nach den unerschöpflichen Wassern der Weisheit graben.

Eine große Aufgabe, aber keine Sorge: Ich bin ja „excellent“ (FU, bist Du’s?).


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April 24, 2008. Rule, Britannia. No Comments.

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