K-Strasse

Schwebender Glatzkopf wegen Umbauarbeiten von Tollhaus am Boden

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Bild: Ernst Fraenkels Kopf, Wartehalle Kennedy-Institut.

Ein ereignisarmer Nachrichtenüberblick aus dem fensterlosen Flur des Kennedy-Instituts: «Wartest Du auch?» hatte ich eine Kommilitonin, die bereits im Neonlicht Platz genommen hatte, gefragt. Frau Ha sei noch nicht da, antwortete sie. Sie habe bereits geklopft.

Peter Schneider spricht am Freitag, 6. Juni, im Ethnologischen Museum Dahlem über sein neustes Buch Rebellion und Wahn. Als Student hatte er an der FU, im Rahmen einer Rebellion, eine legendäre Rede gehalten: «Wenn wir bei unserem Professor in der Vorlesung waren, dann haben wir ihm nicht auf die Finger gesehen, wenn wir uns von ihm prüfen ließen, dann haben wir ihm nicht ins Gesicht gesehen, wenn wir im Klo neben ihm standen, dann haben wir ihm nicht auf den Schwanz gesehen. Wir wollen es das nächste Mal tun.» Und dann sagte er noch: «Da [das heisst: nicht auf dem Klo, sonst wo] sind wir auf den Gedanken gekommen, daß wir erst den Rasen zerstören müssen, bevor wir die Lügen über Vietnam zerstören können, […] daß wir erst die Hausordnung brechen müssen, bevor wir die Universitätsordnung brechen können.» Wenig später soll der gute alte Ernst Fraenkel, Gründer des Kennedy-Instituts, die Freie Universität als «Tollhaus» und das Otto-Suhr-Institut als «Sonderabteilung für die unheilbaren Fälle» bezeichnet haben. Heute berichtet die «Welt», dass die FU eine Grossbaustelle ist und einen dreistelligen Millionenbetrag in Bauprojekte investiert. Wegen Umbauarbeiten liegt auch Fraenkels Kopf am Boden. Die künstlerische Pointe dieses Kopfs war bislang, dass er über einem Marmorsockel schwebte; solange man ihn nicht wie auf der Toilette von der Seite betrachtete.

Das ZDF produziert einen Spielfilm über Rudi Dutschke. Peter Schneider zufolge kannte Dutschke weder Ironie, noch hatte er Humor. Shepard Stone, Förderer der FU in ihrer Anfangsphase, meinte einmal über die Kompromisslosigkeit der Berliner Studentenführer: «Woher kam 68? Aus Berkeley, California! Es kam nicht aus der Freien Universität Berlin. Sie haben es übernommen und zwar in guter deutscher Weise. Gründlich.» Für alle nicht-gründlichen Nicht-Deutschen an unserer Universität veranstaltet das AusländerInnen-Referat am Montag, 9. Juni, ab 16:00 Uhr im AStA-Garten eine Grillparty.

«Wir warten bestimmt schon 30 Minuten!» empörte ich mich (Ausländer und Schweizer), als Frau Ha noch immer nicht da war. Bereits dachte ich ans Zerstören des braunen Teppichs und des Heizkörpers, der in diesem Flur schon fast barock wirkte. Da bin ich jedoch auf den Gedanken gekommen, dass ich mit meiner Faust einfach mal ganz unauffällig an die Tür klopfen könnte, bevor ich mit ihr das ganze Haus zerschlage. Und das tat ich und hörte Frau Ha rufen: «Herein!»


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June 4, 2008. K-Strasse. No Comments.

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