National Express, Direction Cambridge

Neu in der Silberlaube: In der Reihe «Rule, Britannia» wird Kerstin Koster, Studentin an der Freien Universität Berlin, von jener Insel im Nordwesten Europas berichten, auf der sie ein Jahr an der Universität Cambridge verbringt. Die Reihe beginnt mit der Ankunft, einem unsanften Aufprall…

Von: Kerstin Maria Koster

Es heißt, sich in der unmittelbaren Nähe zur Macht zu befinden, habe eine anziehende Wirkung; ein gewisses Kribbeln soll es auslösen, und ein Schwindelgefühl. Auf jeden Fall sei nichts mehr wie zuvor. Und tatsächlich verändert die tagtägliche Intervention königlicher Handlanger den Kreislauf des nämlichen Lebens beträchtlich. Im nebligen Morgengrauen erscheinen Wagen, auf deren Türen kleine Krönchen aufgemalt sind; die Ostmark Euro ist abgeschafft, man zahlt mit schwerem, dunkelgoldnem Geld; nach einem Frühstück ist der Magen nicht nur mit den Kalorien einer Durchschnittswoche gefüllt, sondern auch ein dreifach erhöhter Cholesterinspiegel ruft Becel auf den Plan. Ich bin knapp 6 Füße groß, wiege dafür aber auch 11 Steine. Was sich verändert hat? Rather simple: My home is my castle, my castle is England.

Der Anfang war hart; ausgesprochen hart. Der irische Freund aller kleinen Geldbeutel, RyanAir, war so freundlich, mir für meinen Flug auf die Insel nur 20 Euro zu berechnen; leider schien er dafür stillschweigend davon auszugehen, wir Passagiere seien mit einem experimentellen Flugstil mehr als einverstanden. Der Flug war holprig und der Kaffe (2,70 Euro) lauwarm und vermilcht; dass ich ihn mir über Eifel nicht über meine drei Lagen Kleidung (15 Kilo Gepäck sind erlaubt und ich plane zehn Monate drüben zu bleiben) geschüttet habe, ist reiner Zufall, denn dort fing das Gefährt gefährlich an zu ruckeln. Um mich zu beruhigen, beschaue ich mir meine ruhigen, entspannten Mitreisenden. Das Ehepaar zu meiner Rechten, dessen Vokuhilapartnerlook Freude meiner Augen schon seit Beginn an war, liest harmonisch den „Schwarm“. Ein Vater hat den Kopf auf die Rückenlehne seines Sitzes gelegt, und sieht selig seinem Töchterchen zu, das auf dem Schoß der Mutter spielt. Keine Angst, keine Anspannung, außer das schwitzende Ich auf dem Sitz am Gang. Im Film sind das die Momente, die der Katastrophe voraus gehen.

Jedoch, schließlich und endlich, wir kamen an. Thank thee, God in Heaven, und der Pilot hat dem Provinzialboden von Stansted eine weitere Furche hinzugefügt, I’m sure.

Doch wen kümmert’s, man ist dort wo man hinwollte; am Ziel seiner Träume, seit man als Kind zum ersten das Prinzessinnenkleid trug, oder die Krone. Seit man mit dem Holzschwert die Katze enthauptete, und die kleine Schwester, schreiend, da erst zwei Monate alt, in die Knie gezwungen und zum Ritter geschlagen hat. Seit man die Freuden des Schwarzen Tees und die Leiden des Früstückswürstchen erlebt hat. Man ist dort, wo es noch Earls und Dukes und Peers gibt, wo die Gesellschaft noch einfach, aber effektiv in upper und working class aufgeteilt ist, wo eine rotberockte Meute nach wie vor mit Halali einen kleinen knuffigen Waldbewohner durch die Wälder hetzt. Man ist in England, in Großbritannien, im Vereinigten Königreich.

London Stansted: Eine Perle der Luftfahrt! Aber, und darum sehe ich über die geschätzten 42,195 km hinweg, die ich bis zur Gepäckaufnahme zurück gelegt habe, Stansted liegt nur 30 Minuten Zugfahrt von meinem Aufenthaltsort für das nächste Jahr entfernt: Cambridge. Sagenumwobener Ort voller Verheißungen. Welch Sehnsucht weckst Du! Cambridge. Licht meines Lebens, Feuer meiner Lenden. Meine Sünde, meine Seele: Cam-Bridge. Und doch, der Weg zu Dir ist steinig, die Geduld muss grenzenlos sein.

Denn es gibt einen Habitus der Engländer, der so ausgelatscht und durchgenudelt worden ist, so überzogen scheint, dass man fast schon sagen würde: „Quatsch, is’n Klischee.“ Jedoch, und das muss hier ein für alle mal festgeschrieben werden: English – people – queue. Ich habe die Theorie, die sich nach einem Jahr Feldstudie bewahrheiten wird, dass ein Engländer einen Tag als nicht vollkommen erachtet, an dem er nicht eine gewisse Zeit, die nach Alter, Körpergröße und Gewicht variieren kann, in einer Warteschlange verbracht hat. In absentia serpentis wird er unruhig, fahrig und miesepetrig; er kann seine Hände nicht ruhig halten und sich nicht auf die Lektüre der Times konzentrieren. Er ist unausgeglichen, sein Körper ersehnt sich die tägliche Ration. Und da England ein aufmerksames Land ist, in dem die Vokabel „polite“ ihren Ursprung hat, wird der noch formbare Neuankömmling schon am Flughafen darauf vorbereitet, wie stehaffin man hier ist. Nachdem ich dank der offenen Grenzen nur eine halbe Stunde darauf warten musste, dass der Kontrolleur mit einer Dioptrinzahl im zweistelligen Bereich meinen Pass untersuchen konnte, begab ich mich mit heißen Augen und gespanntem Herzen auf die Suche nach meinem Ziel, das da hieß: National Express, Direction Cambridge.

Kerstin studiert Kunstgeschichte, Germanistik und Anglistik an der FU Berlin und verbringt gegenwärtig ein Jahr an der Universität Cambridge, GB.


Posted By Kerstin Maria Koster On 2nd February 2008 @ 11:38 In Rule, Britannia | No Comments

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