First Steps (nicht nur zur German Society)

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Kerstin sieht rot: Sie trägt sich in Cambridge bei den Marxisten ein, kriegt es mit 68 (Mails) zu tun und wird lebenslanges Mitglied der German Society. Über einen Integrationsversuch.

England, Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Wer hätte gedacht, dass Du so überwältigend bunt sein kannst? Der Matrikulationsveranstaltung folgt das Fresher’s Feast, bei dem ich meine neue, schöne, glänzende Gown endlich in angemessener Umgebung ausführen kann. Fahnen von der Decke, Kerzen allüberall, strikt hierarchische Sitzordnung und draußen der dunkle, verwinkelte, sinistre Garten, dessen Bäume an die erleuchteten Fenster kratzen. Alle Collegemitglieder sind versammelt, wir Unerfahrenen durch eine Mail darauf hingewiesen „that neat clothing is required“, die Principal hält eine kurze Rede, und mit ihrem lateinischen Spruch beginnt der vergnügliche, und vor allem leckere Teil des Collegelebens. Vier Gänge, zur Feier des Tages, Wein as much as you can drink, aber vor allem Namenskärtchen und Menukarten mit dem Collegewappen (erhaben, nicht einfach gedruckt), und ein Gong, der den Abend beschließt. Alle erheben sich, wir ziehen weiter in die hauseigene Bar, mehr Bier, mehr Wein umsonst. Schnelles Freundschaftschließen. Das anschließende Wanken ins Bett inklusive. Aber man ist ja jetzt verschwistert, man bringt sich gegenseitig in die Zimmer. Alles ist gut. Jeder mag sich. Schön.

Mein Willkommensgeschenk am nächsten Tag: ein englischer Kater und die Societies Fair. Ersteres ist auszuhalten, aber nur wenn zweiteres nicht dazu kommt. Der Reihe nach. Auf der Societies Fair stellen sich die Vereinigungen, Gesellschaften, Gruppen und Assoziationen der Universität vor und ködern ihre Opfer mit free stuff. Das funktioniert so gut, dass die Angela-freundliche Autorin dieser Zeilen sich auf eine Marxisten-Liste eingetragen hat - ich bin gespannt auf das erste Treffen.

Die Messe fand etwas außerhalb statt, sodass sich morgens um halb neun diese große übernächtigte Masse durch Cambridge wälzte, gespannt auf die versprochenen vielen, vielen bunten Smarties. Ernüchterung folgt auf dem Fuße. Meinem unbedarften Auge, halb gebrochen stierenend aus pochendem Schädel, bot sich Entsetzliches. Eine dreistöckige Sporthalle, dröhnende Musik, ein Stand neben dem anderen, nebst deren seraphisch-satanischen Versuchen, aufzufallen. Wehe dem, der zu lange Augenkontakt hat: Willkommen in meinem Zuhause, sagte die Spinne zur Fliege. Ein Pirat ließ mich Nudeln essen, ein Yeti auf seiner Brust unterschreiben und ein Jude mit Kippa im Hühnerkostüm bot mir Suppe an; viele Bibeln von Katholiken, Protestanten, Anglikanern, Adventisten, Freikirchlern. Je mehr Stände, desto stechender der Kopfschmerz, die Musik, die Menschen, die Sprache, aber immer wieder Süßes, Saures, Salziges, bittere Limonade und seichter Kaffee. Alles für ein Ziel: Trance für das Opfer. Ich habe unterschrieben, überall, rechts, links, sich völlig widersprechende Vereinigungen, beim SwingDance und IrishDance, Hindu Cultural Society und Atheist & Agnostic Society, Volleyball und Handball, Amnesty International und Amoral Science Club, European Union Society und Loyal Royals; dann, erschöpft, kam ich zu Hause an, am Stand der Cambridge German Society. Ich glaube, die hatten meine 5 Pfund (für lebenslange Mitgliedschaft) bitter nötig; ein kleiner trauriger Tisch, ein selbst gemaltes Plakat in bunten schiefen Buchstaben und zwei schmale, rothaarige Engländerinnen, die zwischen lauten Mexikanern und organisierten Taiwanesen eingekesselt waren. Deutsch scheint mir out of fashion, und wer weiß, ob der Stammtisch zur Popularität beiträgt. Ob sie sich über einen Tischaufsteller mit Glöckchen freuen würden? Viel mehr Interessierte gab es bei der Clay Pidgeon Shooting Society, deren hohe Popularität nur ein Zyniker in den mitgebrachten Waffen vermuten würde.

Mitangehörtes Gespräch:

Interessent (dessen Finger sich auffällig nach einem zusammenschraubbaren Gewehr verzehren): „If I sign, can I use it?“

Seelenfänger: „Sure.“

Überzeugter (mit leuchtenden Augen): „Cool!“

Ich glaube, man lässt da besser Vorsicht walten; ist die Fuchsjagd in England erst abgeschafft, vermittelt die Gesellschaft dem Duke of Edinburgh aka Prinz Philip (übrigens unser Unipräsident) adäquate Surrogate.

Needless to say, dass ich – als ich am Abend meine Mails kontrollierte – fast rückwärts vom Stuhl fiel. 68 neue Nachrichten, in denen jede der Gruppen mich über Anstehendes informiert. Das nennen ich prompt. Trotz unerträglichen Kopfschmerzen: Erste Integration gelungen.

Coming Soon: It was inevitable; I saw it coming, but could not believe it. Not here, not now. Not I! Young, educated, interested. Bit who cares? It came: the clash of cultures. Calling your professor with his first name? NO WAY!


Posted By Kerstin Maria Koster On 27th May 2008 @ 16:49 In Rule, Britannia | No Comments

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